Aus dem Tagebuch einer Projektmanagerin

Pavla Růžičková berichtet vom Projekt "GECON – Grenzüberschreitendes geologisches Kooperationsnetzwerk"

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In "GECON" arbeiten der Geopark Ralsko o.p.s., das Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz und die TU Liberec zusammen am Aufbau eines grenzübergreifenden geologischen Netzwerks. Es entsteht eine Plattform von Institutionen, die das gemeinsame Interesse für das Studium, den Schutz und die Bekanntmachung des geologischen Reichtums in der sächsisch-tschechischen Grenzregion verbindet. Das Netzwerk GECON ist für Organisationen und Einzelpersonen, Fachleute und Laien gedacht und hilft dabei, Informationen über geologische Sehenswürdigkeiten zu teilen und den geologischen Reichtum der Euroregion Neisse noch weiter bekannt zu machen.

Viel Kommunikationsbedarf, umfangreiche Fördervorschriften und anspruchsvolle Ziele stellen jede Menge Anforderungen an die Beteiligten. Wir erfahren hier regelmäßig aus erster Hand von den Erfolgen und Anstrengungen des Projektlebens. Seien Sie gespannt!

Unsere Autorin:
Pavla Růžičková
GECON - Grenzübergreifendes geologisches Kooperationsnetzwerk
Projektmanagerin
Tel.: 00420 604 870 112
E-Mail: pavla.ruzickova@geoparkralsko.cz

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18.12.2018 – Trouble mit dem Mittagessen

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„Auch der kürzeste Weg kann ein großes Abenteuer sein“, pflegte meine deutsche Oma Frida zu sagen. Sie war ein Original und hat zwei Weltkriege im Sudetenland überlebt, also wusste sie, wovon sie spricht. Ich habe naiv geglaubt, dass nichts schiefgehen kann, wenn man sich gut vorbereitet und alles plant. Wahrscheinlich hält sich Oma Frida jetzt irgendwo auf ihrer Wolke den Bauch vor Lachen.

Als wir im Oktober den Projektworkshop im Dezember vorbereitet haben, ist die Wahl auf die malerische Gemeinde Hammer am See gefallen. Sie liegt im Projektgebiet, direkt in unserem Geopark, und der Bürgermeister hat uns bereitwillig einen schönen Raum im Gemeindeamt empfohlen, vollausgestattet und mit Seeblick.

Die Verpflegung dürfte kein Problem sein, dachte ich. Ruf doch im Hotel Pazifik an, riet mir meine Kollegin Lenka, die die Gegebenheiten vor Ort kennt. Kein Problem, versicherte man mir dort, also zumindest nicht bis Ende Oktober, dann schließen wir wegen Umbau. „Macht nichts, wir rufen woanders an. Können Sie mir etwas empfehlen?“, fragte ich naiv. „Oh, hier gibt es im Winter überhaupt nichts“, versichert mir die nette Dame …

Im November konnten wir hervorragende Redner gewinnen und fingen an, uns auf den Workshop zu freuen. Blieb nur noch das Essen. Im benachbarten Stráž pod Ralskem ist eine Pizzeria, also werden wir das Essen dort bestellen. Das ist doch eine gute Idee! Kein Geschirr, kein Aufwand, und es wird sogar angeliefert. Wir bestellten alles telefonisch, und wieder wurde mir versichert, dass alles kein Problem sei. 15 Pizzen um halb eins nach Hamr, ganz wie Sie wünschen.

Am Tag vor dem Workshop fing es an zu schneien und zu frieren – kein Wunder im Dezember, aber trotzdem eine große Überraschung für die Tschechische Eisenbahn. Der erste Zug hat 5 Minuten Verspätung, der Anschlusszug schon 10 Minuten, und unterwegs kommen weitere 5 Minuten hinzu. Schließlich haben wir insgesamt eine halbe Stunde Verspätung. Zum Glück packen unsere fantastischen Projektpartner mit an, und alles wird noch rechtzeitig fertig. Die Technik macht etwas Umstände, aber endlich geht es los, die Vortragenden treffen ungeachtet des Schnees und des Glatteises pünktlich ein. Alles klappt, wie es soll.

Bis um halb eins. Keine Pizza. Um dreiviertel fährt ein Botenjunge auf dem Mofa vor und holt drei Pizzen aus dem Rucksack. Er sagt, dass er die nächsten in einer halben Stunde bringt, und verschwindet wieder. Ich bin entsetzt, und bei dem folgenden Telefonat mit der Pizzeria verliere ich die Contenance, wie mein Mann es nennen würde. „Unser Ofen ist kaputt, und der Monteur kommt in einer Stunde“, wird mir gesagt. Nur dass ich hier inmitten der malerisch verschneiten, aber völlig verlassenen Einöde 22 hungrige Geologen habe! Ich dränge darauf, dass sie sich sofort einen Plan B einfallen lassen, und der Held am anderen Ende der Leitung verspricht mir, 20 Schnitzel mit Pommes zu schicken. Also überrede ich den deutschen Doktor der Archäologie, dass das Programm geändert werden muss, nämlich dass wir mit dem Vortrag ohne Mittagessen anfangen, und wenn die Schnitzel kommen, unterbrechen wir. Er hält den kompletten Vortrag, bevor der Botenjunge wieder auftaucht, diesmal im Auto, und 10 Pizzen und drei Schnitzel hervorzaubert. Wie durch ein Wunder funktioniert der Ofen wieder, und der Botenjunge macht sich blitzschnell aus dem Staub. Die Geologen nehmen es mit Humor und essen bei geselligen Gesprächen alles restlos auf.

Als wir nach dem Workshop dem Bürgermeister die Schlüssel zurückgeben, erzähle ich ihm die ganze Geschichte mit dem Mittagessen. „Aber warum haben Sie denn nicht hier gegessen?“, fragt er erstaunt, „gleich um die Ecke ist doch ein Restaurant.“ Als ich wieder zu mir komme, klärt sich alles auf. Seit das Hotel zugemacht hat, wird in der Brauerei gekocht. Es gibt Momente, auf die man sich einfach nicht vorbereiten kann.

05.12.2018 – November – der Monat des Papierkrams

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Als Kind hatte ich ein Buch mit dem Titel „Ich, Baryk“. Baryk war ein Hund, und in jedem Kapitel erzählte er von einem Monat – so war etwa der Februar der Monat der kalten Küche oder der September der Monat der Schwalben. Aus Projektsicht wäre der November der Monat des Papierkrams.

Unerwartet mussten wir uns um zwei Beleglisten auf einmal kümmern. Zuerst haben wir auf die Anmerkungen zur ersten Projektabrechnung geantwortet, und dann haben wir die zweite Abrechnung zusammengestellt, nach einem weiteren halben Jahr Projektlaufzeit. Stellen Sie sich vor, dass Sie alles, was im Laufe eines halben Jahres in einem Projekt mit drei Kooperationspartnern in zwei Ländern passiert ist, in vier Tabellen quetschen müssen. Und zwar so, dass ein Angestellter irgendwo in einem Büro anhand der Zahlen und Stichworte versteht, was Sie machen und wie und warum Sie es machen. Das ist einfach nicht möglich, auch wenn die Tabellen noch so durchdacht sind.

Im Eifer des Gefechts verliert man leicht einmal den Grundgedanken aus den Augen, und schon sind Sie gezwungen, Erklärungen zu Tatsachen zu schreiben, die für Sie vollkommen selbstverständlich sind. Ja, wir haben an den Veranstaltungen unseres Projektpartners teilgenommen, weil der Grundgedanke unseres Projektes die Zusammenarbeit ist und wir deshalb alles gemeinsam machen. Das war einfach. Aber wie erklären Sie, dass die IKEA-Möbel entgegen der Annahme mehr gekostet haben, weil wir keine Ahnung hatten, dass man die Tischplatte und die Tischbeine extra bezahlen muss? Mit Interesse habe ich die ganze Geschichte und Philosophie des IKEA-Gründers studiert (alles ist besser, als Tabellen zu kontrollieren, oder?), und mit dem mir eigenen schrägen Humor habe ich versucht, zu berechnen, wieviel billiger es wäre, die Tischbeine selber zu machen. Schließlich habe ich zum Telefon gegriffen und einfach zugegeben, dass wir einen Fehler gemacht haben, und siehe da, es war kein Problem. Am anderen Ende der Leitung war auch nur ein Mensch, auch wenn diese Dame im Gegensatz zu mir bestimmt keine Gänsehaut beim Anblick einer Tabelle mit mehr als zwei Spalten bekommt. Aber ich habe es geschafft. Der Ordner mit der zweiten Belegliste und den Kopien aller erforderlichen Unterlagen wog schließlich 1,6 kg, wie mir die Frau auf der Post bestätigt hat. Am Kopierer habe ich wahrscheinlich mehrere Stunden verbracht, und nach und nach musste ich drei der vier Tonerpatronen austauschen.

Meine Rettung in diesem November voller Papier war der Workshop „Best Practice in den Museumsgeowissenschaften“, den unsere Projektpartner vom Senckenberg-Museum in Görlitz veranstaltet haben. Auf dem Weg dorthin haben wir im Auto noch über Themen rund um die Belegliste gesprochen, aber nach dem ersten Fachbeitrag war ich sofort in einer anderen Welt. Der Clou für mich war eine Demonstration virtueller Realität namens „Abenteuer Bodenleben“. Sobald ich die Brille aufgesetzt hatte, befand ich mich unter der Erdoberfläche, und ringsherum tauchten verschiedene überlebensgroße Doppelfüßer oder Rollasseln auf. Ein unglaubliches Erlebnis; mein Zoologenherz lachte. Als ich dann auf dem Rückweg im Zug einschlief, träumte ich, dass ich ein Hundertfüßer in einem riesigen Papierberg bin, aus dem ich nicht mehr herausfinde, und überall waren nur Zahlen. Brr! Jetzt bin ich auf den Dezember gespannt.

09.10.2018 – Der Projektsommer

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Mitten im Sommer eine Studienreise in die Sächsisch-Böhmische Schweiz zu organisieren, war ein sagen wir einmal: gewagter Einfall. Als die Reise geplant wurde, wusste ich überhaupt noch nichts von der Existenz des Projektes, und jetzt fiel mir die Organisation dieser Unternehmung zu. Ich kam mir vor wie der Prinz im Märchen, der die Rätsel der kapriziösen Prinzessin lösen muss …

Aufgabe 1 – einen Reiseführer auftreiben. Zwei Nationalparks, das ist doch kein Problem, dachte ich mir. Aber hallo! In der Böhmischen Schweiz haben sie einen Geologen, einen ganz lieben, aber sein freidenkerischer Arbeitsansatz trieb mich während der Vorbereitungen in den Wahnsinn. In der Sächsischen Schweiz war es dann eine ganz andere Liga. Einen Geologen haben sie nicht, nur ausgebildete Führer. Die natürlich für den ganzen Sommer ausgebucht sind. Aber ich kann ihnen auf offiziellem Wege schreiben, sie prüfen mein Anliegen, geben es weiter und melden sich wieder. Nun, sie haben sich nicht gemeldet, und jetzt ist schon Oktober.

Aufgabe 2 – die Unterkunft. Ein Quartier für eine Nacht mitten in der Woche für 15 Leute in der Hochsaison aufzutreiben, ist fast unmöglich. Ich weiß schon nicht mehr, wie viele Hoteliers einen Heidenspaß an mir hatten. Zum Schluss war das Glück meiner Kollegin Renate hold, die den Besitzer einer Pension für Schulklassen überredete. Mitten im Sommer war er frei und seine Stimmung unter dem Nullpunkt. Nach einer Nacht unter seinem Dach hat mich beides nicht mehr gewundert.

Des Weiteren machte das trockene und heiße Wetter alles noch komplizierter, und auch die ständig wechselnden Vorschriften, ob man in den Wald durfte oder nicht, und die sich laufend ändernde Anzahl der Teilnehmer. Als wir uns dann endlich alle vor Ort trafen, war es wie ein kleines Wunder. Was machte es da schon aus, dass der Geologe Peter und ich aus Versehen 1,5 Stunden zu früh am Treffpunkt waren? Wir reagierten uns ab, indem wir zum Aussichtsturm (geschlossen) liefen, und waren zufrieden.

Unsere erste Station war Köglers geologische Karte. Stellen Sie sich ein steinernes Mosaik von der Größe eines mittleren Spielplatzes inmitten eines blühenden Gartens hinter einem Einfamilienhaus vor. Und dazu als Cicerone den redseligen Hausherrn, einen originellen älteren Herrn, der mit Kögler selbst verwandt ist. Behände erzählte, scherzte und gestikulierte er und schaffte es dabei sogar noch, immer wieder in seinem bezaubernden Deutsch mit Sudeten-Dialekt unsere fantastische Dolmetscherin Petra zu korrigieren.

Vor Ort war auch der Geologe des Nationalparks, der uns den ganzen Tag führte. Er war unglaublich witzig, hatte einen streunenden Hund und eine sehr spezielle Arbeitsweise. Wir haben mit ihm wirklich eine unvergessliche Zeit verbracht, etwa, als er uns in den halb überschwemmten und verschütteten Stollen eines Kalkwerks mitnehmen wollte, den zum Schluss nur er selbst und die unerschrockene Dolmetscherin erreichten. Oder als wir am Prebischtor direkt unter der Materialseilbahn bergauf gingen und er sich bloß andere Schuhe anzog und mit einem Lachen sagte: „Ich schaffe das in zehn Minuten“. Also, zehn waren es definitiv nicht, aber ein gewaltiges Erlebnis. Als er dann gegen Abend im Herzen des Nationalparks über ein Geländer und in die Felsen stieg, zogen unsere sonst so akkuraten Akademiker bloß die Augenbrauen hoch und kletterten ihm nach.

Am anderen Tag fuhren wir durch die Sächsische Schweiz, wo uns die Besichtigung des Marie Louise Stollns erwartete. Der Unterschied zwischen den beiden Stolln könnte größer nicht sein. Der von gestern war nicht zugänglich; hier waren es vorbildlich erhaltene 400 Meter mit einer 90-minütigen Besichtigung. Bei den spannenden Erklärungen unter Tage lief einem allein bei der Vorstellung der unglaublichen Plackerei der Bergleute von früher das sprichwörtliche Frösteln über den Rücken. Da freut man sich sogar über die Tabellen, die im Büro auf einen warten.

Die Studienreise haben wir auf dem Schneeberg in Děčín beendet, wo wir in einem ehemaligen Steinbruch nach Fluoriten suchten. Die Herren konnten endlich ihre Hämmer einsetzen und strahlten bei jedem Fund wie kleine Kinder.

Und was lernen wir daraus für das nächste Mal? Wenn sich ein Geologe festes Schuhwerk anzieht, macht man am besten auf dem Absatz kehrt und ergreift die Flucht.

29.08.2018 – Der Umzug

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„Dreimal umgezogen ist wie einmal abgebrannt …“ pflegte meine Oma zu sagen. Wir sind mit unserem Projekt- und Geoparkbüro gern umgezogen. Aus einem ungemütlichen und unpersönlichen Bürogebäude in Česká Lípa in das Erdgeschoss eines Hauses auf der Hauptstraße von Mimoň. Näher an den Geopark, näher zu den Menschen, näher zur Natur.

Der Umzug selbst war eine überraschend angenehme und lustige Aktion. Und für mich vor allem eine weitere Gelegenheit, eine fast unbekannte (männliche) menschliche Spezies zu studieren – Geologen. Der Geologe ist vor allem Praktiker; in den Taschen hat er Werkzeug, und selbst als vollbärtiger Hipster kann er damit umgehen. Den Ab- und Aufbau von IKEA-Regalen beherrscht er auch ohne Anleitung bravourös; also fängt man an zu überlegen, ob man ihn nicht zu den Weltmeisterschaften im Bau des Expedit-Regals anmelden sollte. Wenn ein Geologe behauptet, dass irgendetwas irgendwo hineinpasst, dann hat er auch ohne Zollstock Recht. In das private Auto laden einem die Geologen so viele Dinge ein, dass man sich allmählich den Kopf darüber zerbrechen muss, was jetzt noch in den Transporter soll, den man für den Nachmittag bestellt hat. Des Weiteren ist der Geologe von systematischer Art, insbesondere der Museumsgeologe; alles packt er mit Vorbedacht in Kartons und hat dabei ein System. Dabei beschmutzt er sich zwar von oben bis unten, aber er weiß genau, wo was ist. Insgesamt hat mich überrascht, wie viele geologische Muster (also Steine) in unserem bescheidenen Büro versteckt waren. Sie tauchten vollkommen unerwartet an den allerunterschiedlichsten und unwahrscheinlichsten Stellen auf, und das Verhältnis von Kartons mit Infoblättern, Büromaterialien und Dokumenten zu Kartons mit Steinen war 2:1.

Als im neuen Büro außer den Umzugskartons mit den Unterlagen und den nicht wegzudenkenden Steinen auch Möbel auftauchten, lebten wiederum die Kolleginnen vom Projekt auf. Die praktische Lenka hatte einen Blick dafür, was wohin gehört, und wo immer man ihr einen Schrank hinstellte, da blieb er stehen. Da fing wiederum die Kollegin Renata an zu strahlen und dirigierte die die Möbel schleppenden Geologen so herrisch durch das Büro wie Napoleon auf dem Schlachtfeld. Als sie der Elan auch noch nicht verlassen wollte, nachdem zum fünften Mal komplett umgeräumt worden war, erklärten wir den Umzug lieber für beendet. Auch wenn mich angesichts ihrer leuchtenden Augen der Verdacht beschleicht, dass ich mich nicht allzu sehr an die jetzige Anordnung der Möbel gewöhnen sollte, ist das noch nicht alles. Ich habe einen Schreibtisch am Fenster und bin zufrieden. Aber vor allem habe ich die ganze Zeit nach dem Karton mit meinen Unterlagen und meinem Laptop gesucht, weil ich dort meine gesamte Vorbereitung der nächsten Studienreise unseres Projektes in die Sächsisch-Böhmische Schweiz habe, auf die ich mich sehr freue. Aber mehr darüber beim nächsten Mal.

27.06.2018 – Sie sind da

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Sie sind da. Die Belegliste und der Prüfbericht. Den ersten Projektfortschrittsbericht von Projektbeginn an zu schreiben ist ein bisschen so, wie wenn man zum ersten Klassentreffen fährt. Man sucht die alten Mitschriften und Fotos zusammen und wird von Erinnerungen überwältigt. Wie unsere ersten Eindrücke waren. Dass wir auch ein bisschen Angst hatten. Der Kollege aus Deutschland kam uns wie ein zerstreuter Professor vor … Und die Herren von der Universität wirkten so akademisch. Außerdem musste man jede E-Mail erst übersetzen lassen. Heute ist alles anders. Was Jörg in die Hand nimmt, das läuft wie am Schnürchen, und anstelle von gefürchteten Langweilern haben sich die Kollegen von der Universität als vielseitig unangepasst entpuppt. Und mit der neuen Verstärkung im Team war die deutsche Sprache gleich keine Hürde mehr.

Also, während sich in den Ordnern und eigentlich überall im Büro Unmengen Belegkopien türmen, fahren wir zum nächsten Workshop ins Gelände. Ich muss zugeben, dass mir das Thema „Granitvariationen“ erst einmal nicht besonders spannend vorkommt. Das Museum des Granitabbaus erwischt mich also unvorbereitet. Ich habe irgendwelche verstaubten Werkzeuge erwartet, aber anstatt dessen bringt man uns dort menschliche Schicksale nahe. Ein schwarzweißer Stummfilm zeigt die schwere Plackerei im Steinbruch ohne Sentimentalitäten, dafür mit Stolz. Und vor Pflastersteinen werde ich jetzt wohl immer in Ehrfurcht erstarren. Vor einer solchen Präsentation der Geologie kann man nur den Hut ziehen. Das Sahnehäubchen ist dann noch der Besuch eines Steinbruchs, der noch in Betrieb ist. In knalligen Warnwesten und Helmen stehen wir vor einer riesigen Masse Granit wie eine Schar bunter Wichtel aus dem Märchen. Jörg zeigt begeistert auf verschiedene Granite und Brüche, die Dolmetscherin Petra hält standhaft mit seinen Ausführungen Schritt, und die Geologen klopfen enthusiastisch mit ihren Hämmern die Felsblöcke ab, die überall herumliegen. Während ich selbst zwar immer noch die lebendige Natur vorziehe, kann ich doch langsam ihre Begeisterung und ihren Enthusiasmus für die Geologie nachvollziehen. Und die Überzeugung, dass meine Arbeit und unser Projekt einen Sinn haben, wird nicht einmal von der Erinnerung an all das Papier getrübt, das mich im Büro erwartet.

30.05.2018 – Studienreise nach Bayern

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Endlich geht’s los. Nach wochenlangen Vorbereitungen. Wir haben uns 83 E-Mails geschrieben, von den Telefonaten ganz zu schweigen. Alle sind motiviert, alle freuen sich. Wenn bloß alles klappt. Auf der Reise begleitet uns ein Sturm, aber am ersten Treffpunkt kommen wir alle pünktlich auf die Minute an. Wenn auch jeder aus einer anderen Richtung. Ein hoffnungsvoller Anfang. Keiner hat ein Navigationssystem – Geologen können Karten lesen. Das Landesamt haben wir jedenfalls gefunden. Es erwartet uns der höchst beflissene Leiter des lokalen tschechisch-bayerischen Geoparks. Und ein Empfang des Landrats, der den lokalen Geopark mit Wort und Tat unterstützt. Er spricht darüber, wie ein Geopark funktioniert, wie man um politische Unterstützung wirbt … Während die Kollegin Lenka fasziniert zuhört, werden die Geologen langsam unruhig. Sie würden lieber schon ins Gelände aufbrechen. Beim Spaziergang durch den Ort untersuchen sie begeistert jeden Pflasterstein. Wir bewundern die Infotafeln des Geoparks und fotografieren sie von allen Seiten. Da wissen wir freilich noch nicht, wie viele es davon gibt. Weiterfahrt zur nächsten Station. Das Auto der Jungs von der TU Liberec streikt. Wir lassen es stehen und verteilen uns schnell auf die übrigen Autos. Nächste Haltestelle Tiefbohrung. 9 Kilometer unter der Erde. Der Dolmetscherin bricht der Schweiß aus, die Geologen strahlen vor Glück. Ich vermute, dass sie sich am liebsten auch in den Schacht bohren würden, wenn es nur ginge. Die Sprachbarrieren fallen, es bleibt die Begeisterung für die Sache. Der Leiter treibt uns zurück zu den Autos, und weiter geht es. Angeblich müssen wir noch zu einem Vulkanausbruch. Außer mir wundert sich niemand darüber. Wir erreichen pünktlich ein Museum, und kaum dass wir einen ersten Blick hineingeworfen haben, wird alles dunkel und es beginnt eine Vulkanshow. Gerade in Verbindung mit der herrschenden Hitze ist das ein unvergessliches Erlebnis. Aber ich möchte nicht neben dem Museum wohnen wollen, den ohrenbetäubenden Lärm hört man bestimmt bis nach draußen. Die nächsten Stunden besichtigen wir eine schöne lokale Basaltformation und natürlich weitere lange Reihen von Infotafeln. Bevor wir uns nach dem gemeinsamen Abendessen in unsere Betten verkrümeln, erzählt uns die Pensionswirtin, dass die Gemeinde morgen früh um sechs von Kanonenschüssen geweckt wird. Es ist Fronleichnam. Und anschließend kommt die Kapelle. Blasmusik. Aber wir brauchen keine Angst zu haben, bei der Pension gibt‘s bloß einen Trommelwirbel … Ich wundere mich über gar nichts mehr. Alles klappt, keine Probleme, so viele Ideen und Informationen. So soll Zusammenarbeit sein. Ich habe nur ein bisschen Angst, ob wir das morgen auch alles schaffen. Aber mit so einem Wecker verspätet sich bestimmt niemand. Also packe ich nur noch meine EU-Fähnchen ein und falle ins Bett – morgen geht’s weiter.