Aus dem Tagebuch einer Projektmanagerin

Pavla Růžičková berichtet vom Projekt "GECON – Grenzüberschreitendes geologisches Kooperationsnetzwerk"

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In "GECON" arbeiten der Geopark Ralsko o.p.s., das Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz und die TU Liberec zusammen am Aufbau eines grenzübergreifenden geologischen Netzwerks. Es entsteht eine Plattform von Institutionen, die das gemeinsame Interesse für das Studium, den Schutz und die Bekanntmachung des geologischen Reichtums in der sächsisch-tschechischen Grenzregion verbindet. Das Netzwerk GECON ist für Organisationen und Einzelpersonen, Fachleute und Laien gedacht und hilft dabei, Informationen über geologische Sehenswürdigkeiten zu teilen und den geologischen Reichtum der Euroregion Neisse noch weiter bekannt zu machen.

Viel Kommunikationsbedarf, umfangreiche Fördervorschriften und anspruchsvolle Ziele stellen jede Menge Anforderungen an die Beteiligten. Wir erfahren hier regelmäßig aus erster Hand von den Erfolgen und Anstrengungen des Projektlebens. Seien Sie gespannt!

Unsere Autorin:
Pavla Růžičková
GECON - Grenzübergreifendes geologisches Kooperationsnetzwerk
Projektmanagerin
Tel.: 00420 604 870 112
E-Mail: pavla.ruzickova@geoparkralsko.cz

21.06.2022 – Neues Projekt, neue Herausforderung

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Diesmal geht es im Projekt „2 Sprachen, 1 Region“ mit neuen Partnern um die Begegnung und das Kennenlernen deutscher und tschechischer Jugendlicher, um die Methodik der Arbeit mit Jugendlichen und um Sprachanimation. Während des Covid-Winters fand ein Workshop für Lehrer statt, und wir haben fleißig einen einwöchigen Workshop für deutsche und tschechische Jugendliche vorbereitet.

Wir hatten die wunderbare Idee, dieses Treffen mit unserem Land-Art-Festival im Geopark zu verbinden. Die Kinder werden zusammen mit den Dozenten kreativ sein, sie werden die Möglichkeit haben, deutsche und tschechische Künstler bei der Arbeit kennenzulernen, sie werden sich inspirieren lassen und die Ergebnisse ihrer Arbeit auf unserem kleinen, aber feinen Land-Art-Festival präsentieren. Das ist doch eine tolle Idee, oder?

Wir fanden eine schöne Unterkunft unweit des untergegangenen Dorfes, in dem das Festival stattfindet, ein Ferienlager, das extra für uns sogar eine Woche früher öffnete. Wir haben hervorragende Dozenten, Dolmetscher und Sprachanimateure angesprochen, die es kaum erwarten konnten. Und wir haben uns an deutsche und tschechische Gymnasien gewandt. Anfangs war das Interesse groß, doch je näher der Termin rückte, desto mehr Teilnehmer sprangen ab oder änderten sich, aber am Ende kamen sie doch, und wir stürzten uns mit Begeisterung in das neue Abenteuer.

Die ganze Veranstaltung stellte sich als kleines soziales Experiment heraus.

Die Gruppe der Künstler bestand aus sehr netten, exzentrischen Menschen, die sehr schwer zu steuern waren. Also, eigentlich überhaupt nicht. Sie waren ein Alptraum für den Koch, der so gerne und gut kochte, aber nur selten die Gelegenheit hatte, seine Kostgänger einmal zu sehen, denn das Einhalten von Essenszeiten liegt außerhalb des Gedankenradius von Künstlern. Also haben wir ihnen Essen aufgehoben, und es entstanden neue Kombinationen, wenn sie sich zum Beispiel Blumenkohlsuppe anstelle von Soße über die Knödel und das Fleisch gossen. Künstler halt ... Die Kinder kann man in tschechische Mädchen, tschechische Jungen, deutsche Mädchen und deutsche Jungen einteilen. Wobei die Gruppe der tschechischen Jungen wundervoll und großartig war, ausgesprochen kreativ, aber im Grunde genommen fast schon langweilig brav.

Montag

Die Schüler wurden in Etagenbungalows untergebracht, die Jungen in dem einem und die Mädchen in dem anderen. Die deutschen Mädchen machten bald einen großen Aufstand, weil sie angeblich eine Maus auf ihrem Stockwerk gehört hatten. Auf dem Dach eines Naturcamps raschelt etwas – oh Wunder! Sie packten blitzartig ihre Koffer und sagten, dass sie dort nicht schlafen würden, weil Mäuse schon seit dem Mittelalter Krankheiten übertragen. Argumente waren sinnlos, aber die Mädchen kamen auf die geniale Idee, eine Etage der Jungenhütte zu besetzen, weil es dort keine Mäuse gibt. Die mögen nämlich kein Testosteron. Ihre Betreuer stimmten zu, und es kam zu einer großen Völkerwanderung. Die Aktion mit der Maus war nur ein Vorbote der Dinge, die da kommen sollten, aber das wussten wir noch nicht. Die tschechischen Mädchen erklärten pragmatisch, sie hätten keine Mäuse gehört und gesehen, und suchten sich zufrieden die besten Betten aus.

Während des Abendprogramms nahmen die Kinder mit solcher Begeisterung an dem ausgerufenen Wettbewerb teil, dass ein tschechisches Mädchen leider stürzte und einen Unfall erlitt. Ein ausgekugelter Ellbogen. Ein Krankenwagen, die Fahrt ins Krankenhaus, die Einlieferung, die Kommunikation mit den Eltern ... Die tapfere Schülerin interessierte sich vor allem dafür, wie der Wettbewerb ausgegangen war und flehte die anderen an, ihr einen Platz in der Werkstatt zu freizuhalten, sie könne doch sicher etwas mit der linken Hand machen.

Dienstag

Während die tschechischen Kinder eifrig per Telefon mit dem verletzten Mädchen kommunizieren, ist die Maus immer noch das Hauptthema im deutschen Lager. Die Schüler beginnen, in den Werkstätten zu arbeiten, und auf der Veranda vor dem Speisesaal ist eine improvisierte Holzwerkstatt entstanden, wo Rinde geschält, geschnitten, gefeilt und geschliffen wird, und aus einem umgestürzten Baumstamm entsteht langsam so etwas wie eine Bank. In den beiden anderen künstlerischen Workshops geht es um Tarnung und das Verschmelzen mit der Natur, wobei einige Teilnehmer so perfekt verschmelzen, dass sie in ihrer Tarnung einschlafen und nicht mehr zu finden sind. Es stellt sich heraus, dass sie bis in die Nacht hinein Netflix geschaut haben. In der Gruppe der deutschen Mädchen profilieren sich zwei junge Damen, die das gesamte Programm boykottieren und die ganze Gruppe sprengen. Das gipfelt in einem halbstündigen Telefonat mit einer Mutter, die sich über die hygienischen Bedingungen beschwert. Nicht nur, dass aus einer Maus plötzlich ein Rudel von Nagetieren wird, die jungen deutschen Unschuldslämmern auflauern, wir haben auch ein Problem mit den Badezimmern. Die Fräulein wollen nachts nicht auf die Toilette der Mädchenhütte gehen, und die Mutter ist ganz entsetzt darüber, dass sie das Bad mit den Jungen teilen. Ich teile ihr Entsetzen, denn die Bedingung für den Umzug war, dass sie nach nebenan gehen.

Mittwoch

Wir haben eine Überraschung für die Teilnehmer vorbereitet. Ein Nachmittag in einem untergegangenen Dorf, zum Abendessen Würstchen auf dem Feuer und Bohnen aus dem Kessel, ein Lichtmalerei-Workshop und eine Nachtwanderung durch den Wald zum Camp. In dem untergegangenen Dorf gibt es keinen Handyempfang. Überhaupt keinen. Für manche Kinder ist das völlig unverständlich. Für uns ist es auch problematisch, und so kommt es, dass sich der Wagen mit den Bohnen und Würstchen verspätet, aber dafür stürzen sich die Teilnehmer dann mit umso größerem Appetit auf ihn. Malen mit Licht ist fantastisch, da kommen Handys gerade recht. Prima! Der fünf Kilometer lange Rückweg über die Forststraße durch das Tal ist interessant. Die tschechischen Jungen laufen voraus und machen Schattenspiele mit der Taschenlampe. Die tschechischen Mädchen unterhalten sich auf Deutsch und Englisch mit den deutschen Dozentinnen darüber, wer welche Haustiere hat. Die deutschen Jungen prahlen damit, was sie alles in der Holzwerkstatt machen, und die meisten deutschen Mädchen klammern sich bei jedem Rascheln im Wald in gespielter Angst an ihre Helden. Die ersten kommen nach einer Stunde und zehn Minuten im Camp an, die letzten zwanzig Minuten später. Die tschechische Expedition legt sich gehorsam schlafen, während die andere Hälfte eine Stunde später immer noch in Gruppen durch das Lager streift. Moderne freie Erziehung, denke ich mir.

Donnerstag

Am Morgen eine weitere Szene der deutschen Mädchen. Der nächtliche Weg war angeblich furchtbar, und sie können definitiv nicht ab neun Uhr arbeiten. Als Leiterin verliere ich die Contenance und schimpfe fließend über den fehlenden Respekt gegenüber anderen. Sie rollen mit den Augen, lassen ihren nicht ausgetrunkenen Kaffee stehen und schlurfen zum Programm, während ich mich auf ein weiteres Telefonat mit einer deutschen Mutter einstelle. Letztendlich läuft aber alles ganz zufriedenstellend. Die verletzte Schülerin kommt erholt, mit einer Schiene und hervorragender Laune zurück. Nachmittags reist eines der deutschen Mädchen ab. Angeblich hat sie Heimweh, also holt ihr Papa sie ab. Bloß hat sie irgendwie vergessen, uns das zu sagen ...

Bis zum Abend ist alles fröhlich. In der Holzwerkstatt hauen die deutschen Jungs auf den Putz; sie kommen sich vor wie Profis, und wenn die Mädchen vorbeikommen, zeigen sie ihnen, wie man mit einer Hand schleift. Aber oha, leider kann einer von ihnen die Schleifmaschine nicht halten und schleift sich eine schöne Rille ins Knie. Und wieder rufen wir einen Krankenwagen und fahren zum Nähen. Mit fünf Stichen kehrt der Junge wie ein Held zurück, macht sich tapfer wieder an die Arbeit und steigt sichtlich in den Augen seiner Bewunderinnen. Es sieht so aus, als ob die ganze deutsch-tschechische Gruppe endlich wie ein Team funktioniert.

Freitag

Die Ruhe vor dem Sturm. Am letzten Tag vor dem Festival schuften wir wie die Tiere. Die Kinder in den Workshops verleihen ihren Aufführungen den letzten Schliff, am Morgen reist ein weiteres deutsches Fräulein ab, eine von den Querulantinnen – ich frage lieber nicht ... Wahrscheinlich die Mäuse oder der Kulturschock. Jedenfalls hat sie es wenigstens angekündigt und sich verabschiedet. Am Nachmittag fahren wir mit dem Bus in das untergegangene Dorf, das sich in einen quicklebendigen Ort verwandelt. Wir bauen die Bühne und Zelte auf, rücken Tische und Bänke und richten die Werkstätten ein. Die Holzarbeiter stellen die inzwischen fertigen, schönen Bänke vor dem ehemaligen Schulgebäude auf. Als wir mit dem Auto zum Camp fahren, um unser Vesper zu holen (der Koch hat Obstkuchen gebacken), stoßen wir auf einem schmalen Waldweg auf einen verlassenen Traktor. Hier passt der Bus nicht mal zufällig durch! Als ich am Freitagnachmittag wieder Handyempfang habe, scheuche ich den örtlichen Bürgermeister auf, der alle Holzfäller in der Gegend anruft. Angeblich hat keiner den Traktor im Wald stehen gelassen. Auf dem Rückweg ist der Traktor nicht mehr verlassen, aber ein Rad ist abmontiert, und drei Männer stehen mit verzweifelten Gesichtern daneben. Ich besteche sie mit Kuchen, und sie erklären in gebrochenem Tschechisch, dass ihnen ein Schlauch abgefallen ist, aber bis um sechs Uhr werden sie ihn sicher repariert haben. Mein Kleingeist bezweifelt das, aber sie halten ihr Versprechen, und nach sechs Uhr steht der Traktor neben der Straße im Wald und der Bus mit den Teilnehmern, Dozenten und Sprachanimateuren kann durchfahren. Wir übernachten vor Ort und bereiten alles für das Festival vor, denn das Glück hilft den Vorbereiteten ...

Samstag

Die Teilnehmer arbeiten großartig – eine angenehme Überraschung nach dieser ganzen Woche. Die Performances und das Imaginarium sind perfekt vorbereitete Darbietungen auf hohem Niveau, die das Publikum mit ausgiebigem Beifall belohnt. Ich bin sehr froh, vor allem wegen der Dozenten, die es diesmal nicht immer leicht hatten und trotzdem ihre Überzeugung, ihre Arbeitslust und ihre gute Laune nicht verloren haben. Ihnen gilt meine unendliche Bewunderung. Auch die Holzhandwerker präsentieren stolz ihre Kreationen; die Bänke sind dauernd von Zuschauern besetzt und stehen hoch im Kurs, ebenso wie die herrlichen Kegelspiele aus Holz. Ende gut, alles gut, könnte man sagen. Doch ein Festival an einem Ort zu veranstalten, an dem es keinen Handyempfang gibt, ist eine so kniffelige Angelegenheit, dass sie ein eigenes Kapitel verdient.

Das Festival

In unserem Geopark Ralsko veranstalten wir seit mehreren Jahren ein Land-Art-Festival. Einige der untergegangenen Dörfer (es sind schon 20 auf dem ehemaligen Militärgelände) werden immer für eine Woche neu von Künstlern belebt, die im Einklang mit der Natur schöpferisch arbeiten und ihre Werke dann am Samstag im Rahmen unseres Festivals präsentieren. Dieses Jahr findet das Festival wieder in Jabloneček statt, in einem malerischen Tal, in dem die Ruinen einer tschechischen und einer deutschen Schule und unser Holzpavillon stehen. Ringsum gibt es nur die Natur, die hier schon seit dreißig Jahren macht, was sie will. Und es gibt keinen Handyempfang. Überhaupt gar keinen. Aber wir sind kompetent und enthusiastisch, also hält uns doch so etwas nicht auf ...

Die Workshop-Teilnehmer bringt ein Bus aus dem Camp, der dann als Shuttlebus von Mimoň aus zum Festival fährt. Ein weiterer Bus kommt aus Großhennersdorf mit den Teilnehmern der parallel stattfindenden Workshops unseres Jugendprojektes, und ein dritter soll die Festivalbesucher aus Zittau bringen. Aber der kommt und kommt nicht. Wir können nicht anrufen, also warten wir. Der Bus kommt mit Verspätung an, weil der Fahrer die Teilnehmer aus Versehen zu einem anderen Festival ganz in der Nähe gebracht hat. Bevor sie das gemerkt und alle wieder eingesammelt haben, hatten sie schon fast eine Stunde Verspätung. Und in Jabloneček haben sie dann festgestellt, dass fünf Personen fehlen. Man kann nicht telefonieren, also fährt ein Freiwilliger mit dem Auto zu dem anderen Festival, um dort nach unseren Besuchern zu suchen.

Um die Mittagszeit herum schwächelt das Programm etwas, aber das ist nicht weiter schlimm. Die Jugendlichen präsentieren die Arbeiten aus ihren Workshops mit großer Begeisterung. Die Sonne brennt, am Imbissstand regt sich etwas. Der Zapfhahn ist kaputt, und es fließt weder Bier noch Kofola noch Himbeerlimonade. Mitten auf dem Festival, in der Mittagshitze, an einem Ort ohne Handyempfang ... Der Standbesitzer fährt mit seinem Telefon los, um nach Handyempfang und einer Lösung des Problems zu suchen. Wir schicken den Freiwilligen, der bereits die verirrten Zittauer mitgebracht hat, los, um irgendwo schnell ein paar Getränke zu kaufen, und ich sage mir, dass wir das doch gut gelöst haben. Aber oha – leider kehrt der Freiwillige eine halbe Stunde später mit leeren Händen zurück. Er hat eine verletzte Radfahrerin im Wald gefunden und es gab keinen Handyempfang ... Also hat er Erste Hilfe geleistet und ist soweit gefahren, bis er wieder Handyempfang hatte, um einen Krankenwagen zu rufen und kehrt jetzt zum Festival zurück, um die Krankenschwester zu holen. Die ist nirgends zu finden, weil sie im Schatten ihr Baby stillt. Endlich gefunden, macht sie sich auf den Weg zu der Radfahrerin, und der Freiwillige begibt sich auf seine ursprüngliche Mission. Etwa eine Stunde später kommt der Standbesitzer zurück, bastelt etwas unter den Zapfhahn, und hurra! das Bier fließt wieder. Zwar auf Kosten der Himbeerlimonade, aber es fließt!

Die Hitze ist mörderisch, und die ersten Besucher fahren ab. Das heißt: sie würden gern, aber sie warten auf den Shuttlebus, der nicht kommt. Wir wissen nicht, was los ist; Telefone sind nutzlos. Der Freiwillige kommt mit Getränken zurück und der Nachricht, dass eine Radfahrerin mit Kopfhörern unter die Räder des Busses geraten ist und sich die Polizei um den Unfall kümmert ... Also steigt er wieder ins Auto und ersetzt mit einem weiteren Freiwilligen den Shuttlebus und bringt die Besucher aus der Wildnis in die Zivilisation zurück. Inzwischen suchen wir den Fahrer des Busses, der aus Zittau gekommen ist, mit Zwischenstopp auf einem anderen Festival. Der Bus parkt im Schatten und könnte den feststeckenden Shuttlebus ersetzen. Ohne Telefon laufen wir durch das Tal und sprechen alle Männer an. Was glauben Sie, haben wir ihn gefunden? Nein. Er saß im Shuttlebus, der schließlich eine Stunde später eintraf. Der Fahrer ist unschuldig, die Radfahrerin (schon die zweite) im Krankenhaus, und alles funktioniert wieder.

Um 5:00 Uhr nachmittags wird es langsam wieder still im Tal. Die zufriedenen Besucher fahren ab, die Künstler verabschieden sich, die Jugendlichen fahren zurück ins Camp, um ihre letzte Nacht zu genießen. Wir packen zusammen, räumen auf und setzen uns am Abend völlig erschöpft mit den Helfern und Freiwilligen ans Feuer. Die Krisensituationen verwandeln sich in wunderbare Anekdoten, die wir uns noch lange Zeit erzählen werden. Die Natur übernimmt langsam wieder die Herrschaft über das Tal mit den Kunstwerken aus Naturmaterialien, die ein Teil davon werden, bevor sie irgendwann zerfallen. Am nächsten Tag kehren wir in die Zivilisation zurück, wo ein Blick auf das Handy genügt, um viele Probleme zu lösen. Aber das war es uns wert!

21.12.2021 - Alles hat ein Ende …

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Und so ist auch unser Projekt jetzt zu Ende. Wir konnten noch fertigstellen, was wegen Corona liegengeblieben war, und auch wenn die Abschlusskonferenz nur online stattgefunden hat, so war es doch schön. Als wir sie vorbereiteten, haben wir uns gesagt, dass wir zeigen könnten, wie es mit der weiteren Zusammenarbeit im Projekt „Gecon“ angefangen hat. Wir haben unsere Netze ausgeworfen, wir haben Projektpartner und Teilnehmer angesprochen, und wir konnten uns nicht genug wundern. Zwei Projekte waren uns bekannt, und wir waren zu Recht auf sie stolz. Aber als sich immer mehr und mehr gemeldet haben, konnten wir uns einer gewissen Rührung nicht erwehren. Und manchmal hat es uns fast leid getan, dass uns irgendeine super Projektidee nicht selbst eingefallen ist. Es hat sich bestätigt, dass wenn man tolle Leute zusammenbringt, tolle Dinge entstehen.

Wir im Geopark haben dank „Gecon“ Partner und Freunde gewonnen, die ohne Grenze für uns da sind. Das klingt wie eine dumme Phrase aus einem Flyer, aber es ist tatsächlich so. Sagen Sie selbst, würden Sie etwa glauben, dass ein geologischer Arbeitskreis funktionieren kann? Ich nämlich nicht. Und dabei haben wir dank des Projekts eine tolle Gruppe von mindestens 60 (!) Leuten, die sich „Geojäger“ nennen. Bei den Geojägern machen Akademiker und Laien, Rentner und Kinder mit. Es ist eine ganz heterogene und dabei eingespielte Gruppe von Enthusiasten, die eine Stütze für uns geworden ist, egal was passiert. Wir pflanzen Apfelbäume im Geopark, wir bereiten ein Festival vor, wir brauchen Leute, die die Ausbildung neuer Geoparkführer überwachen? Die Geojäger sind dabei. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.

Jedenfalls muss ich zugeben, dass ich nach der Abschlusskonferenz den Laptop mit einer Träne im Auge zugeklappt habe. Das ganze Projekt war eine tolle Erfahrung. Die Schlussabrechnung war erstaunlicherweise kein solches Schreckgespenst mehr, wie es zu Anfang schien. Nach den Erfahrungen aus der Projektlaufzeit habe ich von den Tabellen keine Alpträume mehr bekommen. Die Damen von der SAB und dem CRR hatten sich schon damit abgefunden, dass sie von mir wirklich nicht verlangen konnten, dass ich mit der Projektbeschreibung in diese lächerlich kleinen Kästchen in der Tabelle passe und dass ich ihnen lieber kleine Romane schicke.

Und wissen Sie, was das Beste ist? Aus der Menge der Projektideen ist ein weiteres Projekt entstanden. Diesmal geht es um die Zusammenarbeit mit Schulen, mit Sprachanimation, mit Kindern ... Und dazu noch in Verbindung mit historischen Stätten und Land Art, einer Kunst mit und in der Natur, die wir im Geopark schon einige Jahre lang betreiben und unterstützen. Genial, oder? Ich spreche beide Sprachen und bin ausgebildete Lehrerin, also ideal. Nur haben wir jetzt wieder Corona, Einschränkungen, und ich habe inzwischen eine andere Arbeit gefunden, also sitze ich zwischen zwei Stühlen, und es wird wieder lustig. Ich freue mich sehr, wenn das Projekt losgeht und wir uns im wirklichen Leben treffen. Auf jeden Fall halte ich Sie auf dem Laufenden!

Bild: Geojäger

03.08.2020 – Wie wir Corona überstanden haben

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Es gibt Situationen, auf die einen nichts vorbereitet, weder Schulungen noch Handbücher.

Corona hat dieses Jahr im März die ganze Welt lahmgelegt. Auch uns und unser Projekt.

Dabei hatte unser letztes Projektjahr so vielversprechend begonnen. Im Januar und Februar fanden zwei Workshops drinnen statt und wir freuten uns schon auf den ersten Workshop im Gelände, in der Natur. Aber dann erreichten uns so langsam die ersten Informationen über das tückische Virus. Dann kamen die staatlichen Verordnungen. Versammlungen von mehr als 500 Personen wurden verboten – das geht ja noch, haben wir uns gesagt. Innerhalb einer Woche wurde der Schwellenwert jedoch auf 200 gesenkt, dann auf 100, und schließlich kam das Totalverbot: die Grenzen waren zu, die Schulen waren zu, die ganze Welt war zu. Am schlimmsten waren die Unmenge teils widersprüchlicher Verordnungen und Verfügungen und die Falschmeldungen. Und die Ämter und Behörden, die selbst nicht wussten, wie es weitergehen soll. Mitten in dieser Informationsflut kam eine Mail von der SAB: Wir halten zu Euch, die Gesundheit hat jetzt Vorrang, macht Euch keine Sorgen. Mehr war nicht nötig.

Fassen wir zusammen: das Projekt hat es überlebt, und zum Glück ist keiner von uns dem Coronavirus persönlich begegnet. Wir haben eine Menge gelernt, vor allem über Technik. Die Arbeit zu Hause war mir zwar nicht neu, sie aber mit dem Hausunterricht zweier pubertierender Teenager in Einklang zu bringen, die jeden Tag mehrmals etwas essen wollten und die unerwarteten Ferien schon nach einer Woche satt hatten, war eine ganz andere Sache. Gut haben wir es dagegen mit der Projektbroschüre getroffen, denn auch ein zu Hause eingesperrter Geologe hört nach einem Monat auf, seine Sammlung zu sortieren und zu entstauben und stürzt sich mit Begeisterung auf den sonst so verhassten Papierkram. Die Grenzen wurden endlich wieder geöffnet, und gleich beim ersten Workshop nahmen mehr Leute teil als je zuvor. Die Welt kehrt so langsam ins gewohnte Gleis zurück, auch wenn das Schreckgespenst Corona schon wieder seine Fühler ausstreckt.

Ehrlich gesagt war und ist es für mich äußerst interessant, zu beobachten, wie wir bei uns zulande und auch in Deutschland mit der Krise umgehen. Dank unseres gemeinsamen Projekts kann ich das unmittelbar beobachten und bin nicht auf Informationen aus den Medien angewiesen. Und die SAB? Sie hat Wort gehalten. Die ganze Zeit über hatten wir ihre volle Unterstützung, und alle „Kontaktdamen“ waren äußerst entgegenkommend, auch wenn es mich bei meinen vielen Anrufen nicht wundern würde, wenn bei meiner Nummer schon der Alarmknopf leuchten würde. Jetzt werden wir das Projekt um zwei Monate verlängern, damit wir alle diejenigen Veranstaltungen nachholen können, die Corona verhindert hat. Natürlich ist das mit etwas Papierkram, viel Rechnerei und diesem zweisprachigen Formular verbunden, das immer seinen Dienst verweigert. Aber darüber mehr beim nächsten Mal.

02.03.2020 – Winter hin oder her

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Unser Projekt neigt sich dem Ende zu, und außer fabelhaften Entdeckungsreisen erwartet uns jetzt noch die Aufgabe, das alles aufs Papier zu bringen. Diesmal aber nicht in den Tabellen des Projektfortschrittsberichts, sondern in einer Broschüre, die wir im Rahmen des Projektes herausgeben wollen.

Aber oha! Wir haben so viel gesehen, dass die vorgegebenen 80 Seiten nicht ausreichen. Jeder von uns hat eine andere Vorstellung davon, was in der Broschüre präsentiert werden soll. Jeder von uns hat eine andere Vorstellung davon, wie es in der Broschüre präsentiert werden soll. Jetzt müssen sich sogar die Kollegen Geologen zu einer publizistischen Tätigkeit bequemen.

Ich dachte, dass es einfacher wird, wenn draußen Winter ist und Schnee ihr geliebtes Gestein bedeckt und ihre Sehnsucht, draußen umherzustreifen, dämpft. Wie wenig habe ich die Geologie begriffen! Im Winter erwacht in der Seele des Geologen der Geomorphologe. Und der fängt an, draußen umherzustreifen, denn ohne Blätter an den Bäumen und im Idealfall mit Pulverschnee bestäubt zeichnen sich in der Landschaft so langsam die Linien der Landschaft ab. Der Durchschnittsbürger genießt diesen schönen Anblick, der Geomorphologe sieht in den Linien die Bewegung der tektonischen Platten, die Faltung, glaziale Serien, einstige Flussbette längst versiegter Flüsse und weiß Gott was noch ... Kurz gesagt, er hat wieder einen Vorwand, unter dem Deckmantel der Wissenschaft draußen umherzustreifen und keine Lust, zu schreiben.

Natürlich sind im Projekt dazu wir da, die Nichtgeologen, also organisieren wir unermüdlich Arbeitstreffen, verteilen Aufgaben und schlagen uns heldenhaft mit den Ergebnissen herum, die sich von unseren Vorstellungen mal mehr, mal weniger unterscheiden. Ich muss zugeben, dass diese neue Ausrichtung des Projektes anfängt, mir Spaß zu machen. Unter unseren Händen entsteht etwas Großartiges, Konkretes, Greifbares. Und das trotz dieses seltsamen, schneelosen Winters, der einfach nicht mitmachen will.

03.09.2019 – Die Sommerschule

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Der Sommer steht in unserem Projekt im Zeichen der Sommerschule. Da trifft sich eine Truppe Studenten, Geologiefans und Fachleute und streift eine Woche lang durch Wiesen und Wälder, jubelt über jedes Steinchen und macht eine Wissenschaft daraus. So sieht das vielleicht für einen Laien aus; tatsächlich aber handelt es sich um fachspezifische Arbeit einschließlich Vorträgen, Seminaren und Diskussionen, bei denen ich unsere Dolmetscher immer zutiefst bewundere.

Die diesjährige Sommerschule befaßte sich mit dem Thema „Didaktik und Popularisierung der Geologie“. Oder auch: wie man ein guter Geoparkführer wird und aus der Geologie ein spannendes Abenteuer macht.

Als Projektmanager ist man einerseits Teilnehmer und andererseits für die Betreuung der Gruppe zuständig, also ist man praktisch Reisebegleiter. In der Praxis sieht das so aus, daß man andauernd alles neu berechnen muß. Beim Frühstück ist noch alles in Ordnung, denn die, die übernachtet haben, frühstücken auch. Dann kommt der einheimische Geoparkführer dazu, der zu Hause schläft. Also x+1. Man braucht x+1 Mittagessen, aber Vorsicht – die Teilnehmer sind teils Vegetarier, teils Fleischesser. Und schon hat man eine andere Formel, nämlich 3V+19F. Die gilt aber nur bis zu dem Moment, wo die ganzen Gourmets auf ihre Teller gucken. Sofort wird aus 3V eine ziemlich variable Größe, oder die Fleischesser geben einer momentanen Laune nach und überlegen es sich anders.

Der nächste Stolperstein kommt, wenn man zum ersten Mal ins Gelände aufbricht. Man will 22 Äpfel, 22 Schokoriegel und 22 Flaschen Wasser an die Gruppe ausgeben, aber 4 Äpfel, 2 Wasser und null Schokoriegel bleiben übrig. Dann fängt man an, die Gruppe unauffällig zu zählen und behilft sich im Geiste mit mnemotechnischen Tricks – 3 Männer, 3 Frauen, 4 Akademiker, 4 Deutsche, 2 patente Kerle, 6 aus dem kleinen Haus. Aber die Gruppe wimmelt ständig durcheinander, oder ein paar gehen zurück, um ihren Hammer zu holen, und wieder andere wechseln die Schuhe ...

Und so geht es die ganze Woche. Man gibt sich Mühe, daß alle alles haben, und dabei lächelt man und tut so, als ob alles in Ordnung wäre. Auch wenn gerade ein Teil der Gruppe mit dem Auto wegfährt und man mitten zwischen den Felsen allein mit 18 Leuten zurückbleibt und ganz genau weiß, daß im Tal ein Kleinbus wartet, der nur 17 Plätze hat. Oder wenn bei der Besichtigung eines Kirchleins plötzlich die halbe Gruppe fehlt, und dann findet man sie auf dem Friedhof wieder, wo sie sich über die geologische Vielfalt der Grabsteine auslassen. Die Arbeit eines Reisebegleiters und eines Projektmanagers hat also viele Gemeinsamkeiten. Man muß organisieren, improvisieren und die Ruhe bewahren können, z.B. wenn man jemandem schon zum dritten Mal erklärt hat, daß es sich nicht um einen Produktionsfehler handelt, sondern daß die sagenhaften Socken von der SAB tatsächlich zwei unterschiedliche Farben haben. Auf den Vorschlag, die Socken doch untereinander auszutauschen, geht aber niemand ein, und dann kann man sich insgeheim einen Spaß daraus machen, zu raten, wer sich wohl als erster traut, das ungleiche Paar anzuziehen.

Jedenfalls hatte ich nach fünf Tagen einen Vogel, und immer wenn wir die Kinder aus der hiesigen Grundschule getroffen haben, habe ich die Lehrerinnen um die bunten Westen mit den großen Zahlen auf dem Rücken beneidet. Vielleicht kaufe ich solche beim nächsten Projekt.

17.06.2019 – Mäusekontrolle

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Jedes Projekt bedeutet auch eine bestimmte Menge an Papierkram. Im Großen und Ganzen ist das nachvollziehbar. Man muss die Finanzen im Auge behalten, die Buchhaltung und die Projektwebseite müssen in Ordnung sein, und man muss die Ziele erfüllen, die man sich für das Projekt gesetzt hat. In regelmäßigen Abständen informiert man dann die zuständige Kontrollinstanz mittels Projektfortschrittsberichten und Beleglisten über den Projektfortschritt.

Das wiederum bringt natürlich auch die Archivierung aller Unterlagen mit sich, die meist peinlich genau in Mappen und Ordner einsortiert werden. Man will einfach alles griffbereit haben. Außer den regelmäßigen Berichten kann nämlich auch eine Vor-Ort-Kontrolle vorbeikommen. Und dann zieht man den betreffenden Ordner heraus und hat alles zur Hand.

Soweit die Theorie. Bei uns hat sich neulich tatsächlich eine Vor-Ort-Kontrolle angekündigt, also haben wir die Ordner herausgesucht – und eine böse Überraschung erlebt. Den betreffenden Abschnitt der Buchhaltung hatte nämlich bereits eine Maus kontrolliert. Jedes geprüfte Dokument war sorgfältig mit einer Nagespur markiert. Und die Arbeit war offensichtlich äußerst zeitaufwändig gewesen, denn die Ärmste konnte nicht mal austreten. Sie hatte auch ihr Geschäft vor Ort verrichtet.

Es folgte eine Blitzaktion. Den gesamten Schrank mit den Unterlagen gründlich ausmisten. Alle Dokumente Seite für Seite durchgehen. Kopien kopieren, Originale retten. Die beschmutzen unteren Abschnitte abschneiden. Verschiedene Mittel gegen Mäuse kaufen. Zum Glück hatte das kleine Biest nur ein Halbjahr bearbeitet. Danach war es anscheinend ausgepowert und hatte den Beruf gewechselt.

Woher ist die Mäuseprüferin eigentlich gekommen? Wir haben im Herzen des Geoparks, inmitten der jungfräulichen Natur, einen Altan. Und auf dem Altan ein Klavier, für den Fall, dass sich mal irgendeine Muse hierher verirren sollte. Im Winter holen wir das Klavier immer ins warme und trockene Büro, damit es uns erhalten bleibt. Diesmal hatten wir es mitsamt der kleinen Mieterin hereingeholt. Und naiv geglaubt, dass unser Zusammenleben harmonisch sein würde. Aber jetzt haben wir ihr den Kampf angesagt!

Bisher führt das kleine Luder 1:0.

30.04./01.05.2019 – Jahresveranstaltung und Fest im Dreiländereck

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Auch wenn beide Veranstaltungen für uns in die Hochsaison fielen, durften wir natürlich nicht fehlen. Persönlich hatte ich außerdem die Möglichkeit, einmal hinter die Kulissen zu blicken. Und meine Eindrücke? Äußerst positiv.

Bei der morgendlichen Generalprobe herrschte genau das gleiche Durcheinander wie überall sonst auch, aber alle waren äußerst entgegenkommend, hilfsbereit und hatten stets ein Lächeln auf den Lippen. Auch wenn sie manchmal ganz schön müde aussahen. Und einmal bei einer Autorenlesung seinen eigenen Text in waschechtem Sächsisch vorgetragen zu bekommen, war genauso berauschend wie die unmittelbaren Reaktionen aus dem Zuschauerraum. Ich musste früher los, aber ich habe die Ansprachen der Politiker noch gehört, einmal erfrischend unbürokratisch. Dafür mit überzeugender Problemkenntnis. Und der märchenhafte Auftritt des polnischen Gesangs- und Tanzensembles ...

Am zweiten Tag standen wir in Habachtstellung an unserem Projektstand beim Dreiländereck. Dieser Ort hat mich einfach bezaubert, er hatte so viel Symbolisches an sich. Über eine improvisierte Brücke nach Deutschland auf einen Kaffee, mit einem Katzensprung über den Bach nach Polen. Am Anfang beunruhigte uns ein bisschen, dass wir die große Bühne direkt im Rücken hatten, aber dann strömten die Besucher in Scharen und alles andere war zweitrangig. Alle waren interessiert und wollten mitmachen, und deshalb redeten wir in drei Sprachen, erklärten, zeigten und bastelten Anstecker mit dem Projektlogo. Echte Völkerverständigung in der Praxis. Man braucht bloß Stege zwischen drei Ländern zu schlagen, und die Leute finden selbst den Weg zueinander. Man muss ihnen nur die Hand reichen und den Weg zeigen. Und genau das ist meiner Ansicht nach der Sinn des Programms „Hallo Nachbar“.

22.05.2019 – Die Teilzeitstelle

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Des Projektmanagers Fluch hat eine genaue Bezeichnung: Teilzeitstelle. Damit passt Ihre Tätigkeit nicht in die Tabellen, und Sie haben zwar eine vollwertige Arbeit, aber trotzdem nur ein halbes Gehalt. Viele Projektmanager haben daher zwei Standbeine, aber ich kenne auch Fälle, die gleichzeitig an sechs Projekten arbeiten. So etwas kann ich mir nicht vorstellen, denn ich bin immer mit Herzblut bei der Sache – entweder ganz oder gar nicht. Freilich trägt auch meine Projektstelle die Bezeichnung 0,75. Ich kann mich also voll und ganz meinem Projekt widmen, und zugleich habe ich Zeit „übrig“, um am weiteren Geschehen in unserem Geopark Ralsko teilzunehmen.

Alljährlich veranstalten wir im Geopark ein kleines, aber feines Landart-Festival. Mitten in der Natur, in einem Tal, wo vor Urzeiten einmal ein hübsches kleines Dorf stand, treffen sich Künstler, sind kreativ und präsentieren ihre Werke den Besuchern. Eine solche Idylle braucht freilich viel Arbeit und Vorbereitung. Wir machen das mit Liebe und brennen für die Sache. Dieses Jahr hatten wir die Idee, das Festival an einen anderen Ort zu verlegen. Auf dem weitläufigen Gebiet des Geoparks gibt es nämlich 20 Stellen, an denen früher einmal Dörfer gestanden haben. Das sind 20 Stellen, die unsere Aufmerksamkeit verdienen, haben wir uns gesagt und sind seit dem Herbst nach und nach alles abgelaufen und haben gesucht. Und wir sind fündig geworden. Für den aktuellen Jahrgang wurde Svébořice ausgewählt. Eine Lichtung im Wald, ein Bächlein, drei kleine Plattenbaubaracken noch von der Sowjetarmee und in den Wald geworfene Platten, die aussehen, als ob hier Riesen Domino gespielt hätten. So weit, so gut. Den Künstlern schickten wir Informationen über die neue Örtlichkeit, Unterlagen zur Geschichte der Gemeinde, und wir freuten uns darüber, dass wir der traurigen Historie des Dorfes jetzt ein neues, fröhliches Kapitel hinzufügen würden.

Google Earth hat uns gerettet. Wir wollte eine Karte der Örtlichkeit verschicken, und da war so ein komisches Fähnchen. Nach einiger Recherche im Web haben wir herausgefunden, dass zur selben Zeit und am selben Ort eine dreitägige Airsoft-Schlacht mit 1.800 Teilnehmern stattfindet. Und die Veranstalter hatten genau wie wir eine Genehmigung des Waldbesitzers, nur von einem anderen Förster. Das ist doch paradox – wir bemühen uns um die Wiederbelebung eines ehemaligen Armeegeländes, und 2.000 Möchtegern-Soldaten zerschießen uns das Festival! Aus dieser Schlacht treten wir den Rückzug an. Schließlich haben wir ja noch 19 weitere Dörfer, stimmt’s?

Die nächste Stelle, eine schöne Wiese mitten im Kiefernwald, Sandsteinfelsen, wunderschöne uralte und weitverzweigte Eichen. Im Geiste sehen wir schon bunte Hängematten in den Baumkronen und schwelgen in Behagen. Aber hier ist ein Landschaftsschutzgebiet, also müssen wir die Veranstaltung genehmigen lassen. „Ja, das ist möglich, aber Sie dürfen nur auf den ausgewiesenen Wegen gehen“, erklärt uns der Herr vom Landschaftsschutzpark. Aber das ist ein Festival, die Besucher werden über die ganze Wiese laufen, geben wir zu bedenken. „Ja, dann geht es nicht, auf der Erde brütet nämlich die seltene Waldlerche.“ Da haben wir’s!

Wir geben nicht auf, denn schließlich gibt es noch die schöne Stelle, wo kleine Kammern und Kavernen in die Felsen gehauen sind. Unsere Fantasie zaubert gleich Workshops für die Festivalbesucher in sie hinein. Ganz in der Nähe ist eine schöne ebene Wiese, dort wird die Bühne aufgebaut ... Wird sie nicht. Die Wiese ist hinter einem Wildgehege, da könnten wir die Hirsche erschrecken. Wir wenden ein, dass wir keine Technoparty sind, sondern ein beschauliches Landart-Festival, wo höchstens Theater gespielt wird und Lieder gesungen werden (ohne Verstärker). Die Begründung, die wir daraufhin vom Waldbesitzer bekommen, ist dermaßen absurd, dass uns darauf keine Antwort einfällt. Da es sich um eine ruhige Veranstaltung handelt, könnten wir die neugierigen Hirsche anlocken, die sich dann vielleicht erschrecken und vom Schrecken einen Infarkt bekommen würden! Diese Logik ist einfach unschlagbar. Gut, eine Weile habe ich noch mit dem Gedanken eines Standes mit Erster tierärztlicher Hilfe für Hirsche gespielt, aber schließlich sind wir davon abgekommen und mit dem Festival an den ursprünglichen Standort zurückgekehrt.

Ach, die wunderbare Geologie! Auch wenn ich zugeben muss, dass es mir Spaß macht. An einem Tag untersuchen wir mit deutschen Geologen auf einer Exkursion einen Berg von Steinen in einem Kieswerk, am zweiten Tag kümmere ich mich um eine norwegische Künstlerin, die mitten in der Wildnis zwei Nähmaschinen braucht, und am dritten Tag sitze ich im Büro über den Tabellen und dem Projektfortschrittsbericht. Sie verstehen bestimmt, dass ich mit meinen Beschreibungen unseres Projektlebens niemals in diese lächerlich engen Spalten hineinpasse ... .

03.04.2019 – Die Mega-Konferenz

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Alle Mühen, der Papierkram und das stundenlange Übersetzen haben sich ausgezahlt. Ich glaube, ich kann sagen, dass unsere Konferenz erfolgreich war. Falls ich je Bedenken hatte, dass es dabei gezwungen und trocken zugehen könnte, so hätte ich nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein können.

Der Anfang entsprach total dem Klischee von Krawatten und deutscher Genauigkeit. Alle Teilnehmer bekamen sorgfältig vorbereitete Materialien in der passenden Sprache und dazu noch ein Namensschild mit dem Projektlogo. Die Organisatoren hatten sogar Namensschilder in einer anderen Farbe (grün), damit auch ganz bestimmt alle kapierten, an wen man sich im Notfall wenden konnte. Die Technik funktionierte, die Dolmetscher waren kaum zu bremsen, und es gab Grußworte und Eröffnungsreden von Politikern.

Dann begann der erste thematische Block, und auf das Podium drängte sich eine höchst unorthodoxe kleine Gestalt in einem wilden Batik-T-Shirt, die ich zunächst für eine Studentin hielt, die sich hierher verirrt hatte. Es war aber die Vorsitzende des tschechischen Geopark-Rates, und auch ihre Präsentation war höchst originell. Und im gleichen Stil ging die ganze Konferenz dann weiter. Ich weiß nicht, warum es im Umfeld von Geoparks so viele interessante Leute gibt, aber gottseidank (oder der Natur sei Dank) gibt es sie.

Vor der Mittagspause forderten uns unsere deutschen Kollegen – die mit den grünen Namensschildern – auf, hinauszugehen und ein Gruppenfoto an der Basaltsäule zu machen. Die Fotografin stand schon am Fenster bereit, und die grünen Gekkos begannen, uns in Stellung zu bringen. Erst da bemerkte ich, dass auf dem Boden sorgfältig ein Rechteck mit Klebeband markiert war, damit alle aufs Bild passen. Das nenne ich perfekte deutsche Organisation.

Bloß die Ruhe und Gemütlichkeit, mit der unserer Projekt gerade läuft, machen mir ein bisschen Angst. Weil mir die Erfahrung sagt, dass es die Ruhe vor dem Sturm sein könnte. Na, wir werden ja sehen!

07.02.2019 – Lost in Translation

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Der Projektjanuar steht im Zeichen der Vorbereitung einer Konferenz. Bisher haben wir im Rahmen des Projektes hauptsächlich Aktivitäten im Gelände organisiert, jetzt kommt der offiziellere Teil.

Die Geologenkollegen lieben es allesamt, im Gelände zu arbeiten. Da ist ihnen keine Schlucht zu steil, kein Hügel zu hoch und kein Morast zu tief. Begeistert stochern sie im Lehm, klopfen mit ihrem Hammer jeden Stein ab, und mit offensichtlicher Freude kratzen sie Moos von den Felsen, nur um zu sehen, was sich darunter verbirgt. Die Idee einer Konferenz hat sie bisher noch nicht vom Hocker gerissen, aber wenn das Gelände unter der eisigen Umklammerung des Winters sowieso nicht zugänglich ist, warum eigentlich nicht?

Die Vorbereitung einer Konferenz ist vor allem mit einem unendlichen Strom von E-Mails verbunden. Mit meinem deutschen Kollegen schreibe ich mir an einem Tag mehr E-Mails als mit meinem eigenen Mann in einem ganzen Monat. Zum Glück brauchen wir keine Brieftauben mehr; ich wüsste nämlich nicht, wo wir eine solche Menge davon unterbringen sollten.

Dann braucht man noch Übersetzungen. Und Überredungskünste. Jeder Fachmann oder Politiker verspricht Ihnen im Voraus das Blaue vom Himmel, und dann müssen Sie ihn freundlich, aber beharrlich daran erinnern. Und Geologen sind da keine Ausnahme. Und selbst wenn Sie schließlich den versprochenen Text bekommen, haben Sie noch nicht ganz gewonnen. Eine Sprachversion reicht in einem deutsch-tschechischen Projekt einfach nicht aus. Sie brauchen eine Übersetzung.

Wenn Sie vielleicht unter der irrigen Vorstellung leiden sollten, dass der Übersetzer den Text liebkost, die richtigen Ausdrücke und Synonyme sucht, ihn überprüft, umschreibt und korrigiert, dann ist nichts weiter von der Realität entfernt. In erster Linie drängt die Zeit. Und Dolmetscher dolmetschen manchmal. Also setzen Sie sich selbst daran. Bei den ersten Texten macht es noch Spaß, aber dann kommt die sprichwörtliche harte Nuss. Zum Beispiel das Wort „Sinngesellschaft“. Zwischen einer Gesellschaft der Sinne und einer sinnlichen Gesellschaft gibt es einen Unterschied, der aber für die Autokorrektur nicht unbedingt ersichtlich ist. Dann wieder Sinnsuche, uff, und dieses Mal siegen Sie über die Technik. Aber ein winziger Moment der Unaufmerksamkeit genügt, und anstelle von „laufend“ schreiben Sie „läufig“, und Ihr deutscher Kollege schmunzelt insgeheim über diese ganz neue Sicht auf die Landschaftsentwicklung.

Schließlich haben wir alles geschafft, und so langsam freue ich mich auf die Konferenz, oder eher darauf, dass dieser Wahnsinn endlich aufhört. Und darauf, dass wir wieder ins Gelände gehen. Vielleicht lege ich mir auch einen Hammer zu.

18.12.2018 – Trouble mit dem Mittagessen

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„Auch der kürzeste Weg kann ein großes Abenteuer sein“, pflegte meine deutsche Oma Frida zu sagen. Sie war ein Original und hat zwei Weltkriege im Sudetenland überlebt, also wusste sie, wovon sie spricht. Ich habe naiv geglaubt, dass nichts schiefgehen kann, wenn man sich gut vorbereitet und alles plant. Wahrscheinlich hält sich Oma Frida jetzt irgendwo auf ihrer Wolke den Bauch vor Lachen.

Als wir im Oktober den Projektworkshop im Dezember vorbereitet haben, ist die Wahl auf die malerische Gemeinde Hammer am See gefallen. Sie liegt im Projektgebiet, direkt in unserem Geopark, und der Bürgermeister hat uns bereitwillig einen schönen Raum im Gemeindeamt empfohlen, vollausgestattet und mit Seeblick.

Die Verpflegung dürfte kein Problem sein, dachte ich. Ruf doch im Hotel Pazifik an, riet mir meine Kollegin Lenka, die die Gegebenheiten vor Ort kennt. Kein Problem, versicherte man mir dort, also zumindest nicht bis Ende Oktober, dann schließen wir wegen Umbau. „Macht nichts, wir rufen woanders an. Können Sie mir etwas empfehlen?“, fragte ich naiv. „Oh, hier gibt es im Winter überhaupt nichts“, versichert mir die nette Dame …

Im November konnten wir hervorragende Redner gewinnen und fingen an, uns auf den Workshop zu freuen. Blieb nur noch das Essen. Im benachbarten Stráž pod Ralskem ist eine Pizzeria, also werden wir das Essen dort bestellen. Das ist doch eine gute Idee! Kein Geschirr, kein Aufwand, und es wird sogar angeliefert. Wir bestellten alles telefonisch, und wieder wurde mir versichert, dass alles kein Problem sei. 15 Pizzen um halb eins nach Hamr, ganz wie Sie wünschen.

Am Tag vor dem Workshop fing es an zu schneien und zu frieren – kein Wunder im Dezember, aber trotzdem eine große Überraschung für die Tschechische Eisenbahn. Der erste Zug hat 5 Minuten Verspätung, der Anschlusszug schon 10 Minuten, und unterwegs kommen weitere 5 Minuten hinzu. Schließlich haben wir insgesamt eine halbe Stunde Verspätung. Zum Glück packen unsere fantastischen Projektpartner mit an, und alles wird noch rechtzeitig fertig. Die Technik macht etwas Umstände, aber endlich geht es los, die Vortragenden treffen ungeachtet des Schnees und des Glatteises pünktlich ein. Alles klappt, wie es soll.

Bis um halb eins. Keine Pizza. Um dreiviertel fährt ein Botenjunge auf dem Mofa vor und holt drei Pizzen aus dem Rucksack. Er sagt, dass er die nächsten in einer halben Stunde bringt, und verschwindet wieder. Ich bin entsetzt, und bei dem folgenden Telefonat mit der Pizzeria verliere ich die Contenance, wie mein Mann es nennen würde. „Unser Ofen ist kaputt, und der Monteur kommt in einer Stunde“, wird mir gesagt. Nur dass ich hier inmitten der malerisch verschneiten, aber völlig verlassenen Einöde 22 hungrige Geologen habe! Ich dränge darauf, dass sie sich sofort einen Plan B einfallen lassen, und der Held am anderen Ende der Leitung verspricht mir, 20 Schnitzel mit Pommes zu schicken. Also überrede ich den deutschen Doktor der Archäologie, dass das Programm geändert werden muss, nämlich dass wir mit dem Vortrag ohne Mittagessen anfangen, und wenn die Schnitzel kommen, unterbrechen wir. Er hält den kompletten Vortrag, bevor der Botenjunge wieder auftaucht, diesmal im Auto, und 10 Pizzen und drei Schnitzel hervorzaubert. Wie durch ein Wunder funktioniert der Ofen wieder, und der Botenjunge macht sich blitzschnell aus dem Staub. Die Geologen nehmen es mit Humor und essen bei geselligen Gesprächen alles restlos auf.

Als wir nach dem Workshop dem Bürgermeister die Schlüssel zurückgeben, erzähle ich ihm die ganze Geschichte mit dem Mittagessen. „Aber warum haben Sie denn nicht hier gegessen?“, fragt er erstaunt, „gleich um die Ecke ist doch ein Restaurant.“ Als ich wieder zu mir komme, klärt sich alles auf. Seit das Hotel zugemacht hat, wird in der Brauerei gekocht. Es gibt Momente, auf die man sich einfach nicht vorbereiten kann.

05.12.2018 – November – der Monat des Papierkrams

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Als Kind hatte ich ein Buch mit dem Titel „Ich, Baryk“. Baryk war ein Hund, und in jedem Kapitel erzählte er von einem Monat – so war etwa der Februar der Monat der kalten Küche oder der September der Monat der Schwalben. Aus Projektsicht wäre der November der Monat des Papierkrams.

Unerwartet mussten wir uns um zwei Beleglisten auf einmal kümmern. Zuerst haben wir auf die Anmerkungen zur ersten Projektabrechnung geantwortet, und dann haben wir die zweite Abrechnung zusammengestellt, nach einem weiteren halben Jahr Projektlaufzeit. Stellen Sie sich vor, dass Sie alles, was im Laufe eines halben Jahres in einem Projekt mit drei Kooperationspartnern in zwei Ländern passiert ist, in vier Tabellen quetschen müssen. Und zwar so, dass ein Angestellter irgendwo in einem Büro anhand der Zahlen und Stichworte versteht, was Sie machen und wie und warum Sie es machen. Das ist einfach nicht möglich, auch wenn die Tabellen noch so durchdacht sind.

Im Eifer des Gefechts verliert man leicht einmal den Grundgedanken aus den Augen, und schon sind Sie gezwungen, Erklärungen zu Tatsachen zu schreiben, die für Sie vollkommen selbstverständlich sind. Ja, wir haben an den Veranstaltungen unseres Projektpartners teilgenommen, weil der Grundgedanke unseres Projektes die Zusammenarbeit ist und wir deshalb alles gemeinsam machen. Das war einfach. Aber wie erklären Sie, dass die IKEA-Möbel entgegen der Annahme mehr gekostet haben, weil wir keine Ahnung hatten, dass man die Tischplatte und die Tischbeine extra bezahlen muss? Mit Interesse habe ich die ganze Geschichte und Philosophie des IKEA-Gründers studiert (alles ist besser, als Tabellen zu kontrollieren, oder?), und mit dem mir eigenen schrägen Humor habe ich versucht, zu berechnen, wieviel billiger es wäre, die Tischbeine selber zu machen. Schließlich habe ich zum Telefon gegriffen und einfach zugegeben, dass wir einen Fehler gemacht haben, und siehe da, es war kein Problem. Am anderen Ende der Leitung war auch nur ein Mensch, auch wenn diese Dame im Gegensatz zu mir bestimmt keine Gänsehaut beim Anblick einer Tabelle mit mehr als zwei Spalten bekommt. Aber ich habe es geschafft. Der Ordner mit der zweiten Belegliste und den Kopien aller erforderlichen Unterlagen wog schließlich 1,6 kg, wie mir die Frau auf der Post bestätigt hat. Am Kopierer habe ich wahrscheinlich mehrere Stunden verbracht, und nach und nach musste ich drei der vier Tonerpatronen austauschen.

Meine Rettung in diesem November voller Papier war der Workshop „Best Practice in den Museumsgeowissenschaften“, den unsere Projektpartner vom Senckenberg-Museum in Görlitz veranstaltet haben. Auf dem Weg dorthin haben wir im Auto noch über Themen rund um die Belegliste gesprochen, aber nach dem ersten Fachbeitrag war ich sofort in einer anderen Welt. Der Clou für mich war eine Demonstration virtueller Realität namens „Abenteuer Bodenleben“. Sobald ich die Brille aufgesetzt hatte, befand ich mich unter der Erdoberfläche, und ringsherum tauchten verschiedene überlebensgroße Doppelfüßer oder Rollasseln auf. Ein unglaubliches Erlebnis; mein Zoologenherz lachte. Als ich dann auf dem Rückweg im Zug einschlief, träumte ich, dass ich ein Hundertfüßer in einem riesigen Papierberg bin, aus dem ich nicht mehr herausfinde, und überall waren nur Zahlen. Brr! Jetzt bin ich auf den Dezember gespannt.

09.10.2018 – Der Projektsommer

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Mitten im Sommer eine Studienreise in die Sächsisch-Böhmische Schweiz zu organisieren, war ein sagen wir einmal: gewagter Einfall. Als die Reise geplant wurde, wusste ich überhaupt noch nichts von der Existenz des Projektes, und jetzt fiel mir die Organisation dieser Unternehmung zu. Ich kam mir vor wie der Prinz im Märchen, der die Rätsel der kapriziösen Prinzessin lösen muss …

Aufgabe 1 – einen Reiseführer auftreiben. Zwei Nationalparks, das ist doch kein Problem, dachte ich mir. Aber hallo! In der Böhmischen Schweiz haben sie einen Geologen, einen ganz lieben, aber sein freidenkerischer Arbeitsansatz trieb mich während der Vorbereitungen in den Wahnsinn. In der Sächsischen Schweiz war es dann eine ganz andere Liga. Einen Geologen haben sie nicht, nur ausgebildete Führer. Die natürlich für den ganzen Sommer ausgebucht sind. Aber ich kann ihnen auf offiziellem Wege schreiben, sie prüfen mein Anliegen, geben es weiter und melden sich wieder. Nun, sie haben sich nicht gemeldet, und jetzt ist schon Oktober.

Aufgabe 2 – die Unterkunft. Ein Quartier für eine Nacht mitten in der Woche für 15 Leute in der Hochsaison aufzutreiben, ist fast unmöglich. Ich weiß schon nicht mehr, wie viele Hoteliers einen Heidenspaß an mir hatten. Zum Schluss war das Glück meiner Kollegin Renate hold, die den Besitzer einer Pension für Schulklassen überredete. Mitten im Sommer war er frei und seine Stimmung unter dem Nullpunkt. Nach einer Nacht unter seinem Dach hat mich beides nicht mehr gewundert.

Des Weiteren machte das trockene und heiße Wetter alles noch komplizierter, und auch die ständig wechselnden Vorschriften, ob man in den Wald durfte oder nicht, und die sich laufend ändernde Anzahl der Teilnehmer. Als wir uns dann endlich alle vor Ort trafen, war es wie ein kleines Wunder. Was machte es da schon aus, dass der Geologe Peter und ich aus Versehen 1,5 Stunden zu früh am Treffpunkt waren? Wir reagierten uns ab, indem wir zum Aussichtsturm (geschlossen) liefen, und waren zufrieden.

Unsere erste Station war Köglers geologische Karte. Stellen Sie sich ein steinernes Mosaik von der Größe eines mittleren Spielplatzes inmitten eines blühenden Gartens hinter einem Einfamilienhaus vor. Und dazu als Cicerone den redseligen Hausherrn, einen originellen älteren Herrn, der mit Kögler selbst verwandt ist. Behände erzählte, scherzte und gestikulierte er und schaffte es dabei sogar noch, immer wieder in seinem bezaubernden Deutsch mit Sudeten-Dialekt unsere fantastische Dolmetscherin Petra zu korrigieren.

Vor Ort war auch der Geologe des Nationalparks, der uns den ganzen Tag führte. Er war unglaublich witzig, hatte einen streunenden Hund und eine sehr spezielle Arbeitsweise. Wir haben mit ihm wirklich eine unvergessliche Zeit verbracht, etwa, als er uns in den halb überschwemmten und verschütteten Stollen eines Kalkwerks mitnehmen wollte, den zum Schluss nur er selbst und die unerschrockene Dolmetscherin erreichten. Oder als wir am Prebischtor direkt unter der Materialseilbahn bergauf gingen und er sich bloß andere Schuhe anzog und mit einem Lachen sagte: „Ich schaffe das in zehn Minuten“. Also, zehn waren es definitiv nicht, aber ein gewaltiges Erlebnis. Als er dann gegen Abend im Herzen des Nationalparks über ein Geländer und in die Felsen stieg, zogen unsere sonst so akkuraten Akademiker bloß die Augenbrauen hoch und kletterten ihm nach.

Am anderen Tag fuhren wir durch die Sächsische Schweiz, wo uns die Besichtigung des Marie Louise Stollns erwartete. Der Unterschied zwischen den beiden Stolln könnte größer nicht sein. Der von gestern war nicht zugänglich; hier waren es vorbildlich erhaltene 400 Meter mit einer 90-minütigen Besichtigung. Bei den spannenden Erklärungen unter Tage lief einem allein bei der Vorstellung der unglaublichen Plackerei der Bergleute von früher das sprichwörtliche Frösteln über den Rücken. Da freut man sich sogar über die Tabellen, die im Büro auf einen warten.

Die Studienreise haben wir auf dem Schneeberg in Děčín beendet, wo wir in einem ehemaligen Steinbruch nach Fluoriten suchten. Die Herren konnten endlich ihre Hämmer einsetzen und strahlten bei jedem Fund wie kleine Kinder.

Und was lernen wir daraus für das nächste Mal? Wenn sich ein Geologe festes Schuhwerk anzieht, macht man am besten auf dem Absatz kehrt und ergreift die Flucht.

29.08.2018 – Der Umzug

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„Dreimal umgezogen ist wie einmal abgebrannt …“ pflegte meine Oma zu sagen. Wir sind mit unserem Projekt- und Geoparkbüro gern umgezogen. Aus einem ungemütlichen und unpersönlichen Bürogebäude in Česká Lípa in das Erdgeschoss eines Hauses auf der Hauptstraße von Mimoň. Näher an den Geopark, näher zu den Menschen, näher zur Natur.

Der Umzug selbst war eine überraschend angenehme und lustige Aktion. Und für mich vor allem eine weitere Gelegenheit, eine fast unbekannte (männliche) menschliche Spezies zu studieren – Geologen. Der Geologe ist vor allem Praktiker; in den Taschen hat er Werkzeug, und selbst als vollbärtiger Hipster kann er damit umgehen. Den Ab- und Aufbau von IKEA-Regalen beherrscht er auch ohne Anleitung bravourös; also fängt man an zu überlegen, ob man ihn nicht zu den Weltmeisterschaften im Bau des Expedit-Regals anmelden sollte. Wenn ein Geologe behauptet, dass irgendetwas irgendwo hineinpasst, dann hat er auch ohne Zollstock Recht. In das private Auto laden einem die Geologen so viele Dinge ein, dass man sich allmählich den Kopf darüber zerbrechen muss, was jetzt noch in den Transporter soll, den man für den Nachmittag bestellt hat. Des Weiteren ist der Geologe von systematischer Art, insbesondere der Museumsgeologe; alles packt er mit Vorbedacht in Kartons und hat dabei ein System. Dabei beschmutzt er sich zwar von oben bis unten, aber er weiß genau, wo was ist. Insgesamt hat mich überrascht, wie viele geologische Muster (also Steine) in unserem bescheidenen Büro versteckt waren. Sie tauchten vollkommen unerwartet an den allerunterschiedlichsten und unwahrscheinlichsten Stellen auf, und das Verhältnis von Kartons mit Infoblättern, Büromaterialien und Dokumenten zu Kartons mit Steinen war 2:1.

Als im neuen Büro außer den Umzugskartons mit den Unterlagen und den nicht wegzudenkenden Steinen auch Möbel auftauchten, lebten wiederum die Kolleginnen vom Projekt auf. Die praktische Lenka hatte einen Blick dafür, was wohin gehört, und wo immer man ihr einen Schrank hinstellte, da blieb er stehen. Da fing wiederum die Kollegin Renata an zu strahlen und dirigierte die die Möbel schleppenden Geologen so herrisch durch das Büro wie Napoleon auf dem Schlachtfeld. Als sie der Elan auch noch nicht verlassen wollte, nachdem zum fünften Mal komplett umgeräumt worden war, erklärten wir den Umzug lieber für beendet. Auch wenn mich angesichts ihrer leuchtenden Augen der Verdacht beschleicht, dass ich mich nicht allzu sehr an die jetzige Anordnung der Möbel gewöhnen sollte, ist das noch nicht alles. Ich habe einen Schreibtisch am Fenster und bin zufrieden. Aber vor allem habe ich die ganze Zeit nach dem Karton mit meinen Unterlagen und meinem Laptop gesucht, weil ich dort meine gesamte Vorbereitung der nächsten Studienreise unseres Projektes in die Sächsisch-Böhmische Schweiz habe, auf die ich mich sehr freue. Aber mehr darüber beim nächsten Mal.

27.06.2018 – Sie sind da

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Sie sind da. Die Belegliste und der Prüfbericht. Den ersten Projektfortschrittsbericht von Projektbeginn an zu schreiben ist ein bisschen so, wie wenn man zum ersten Klassentreffen fährt. Man sucht die alten Mitschriften und Fotos zusammen und wird von Erinnerungen überwältigt. Wie unsere ersten Eindrücke waren. Dass wir auch ein bisschen Angst hatten. Der Kollege aus Deutschland kam uns wie ein zerstreuter Professor vor … Und die Herren von der Universität wirkten so akademisch. Außerdem musste man jede E-Mail erst übersetzen lassen. Heute ist alles anders. Was Jörg in die Hand nimmt, das läuft wie am Schnürchen, und anstelle von gefürchteten Langweilern haben sich die Kollegen von der Universität als vielseitig unangepasst entpuppt. Und mit der neuen Verstärkung im Team war die deutsche Sprache gleich keine Hürde mehr.

Also, während sich in den Ordnern und eigentlich überall im Büro Unmengen Belegkopien türmen, fahren wir zum nächsten Workshop ins Gelände. Ich muss zugeben, dass mir das Thema „Granitvariationen“ erst einmal nicht besonders spannend vorkommt. Das Museum des Granitabbaus erwischt mich also unvorbereitet. Ich habe irgendwelche verstaubten Werkzeuge erwartet, aber anstatt dessen bringt man uns dort menschliche Schicksale nahe. Ein schwarzweißer Stummfilm zeigt die schwere Plackerei im Steinbruch ohne Sentimentalitäten, dafür mit Stolz. Und vor Pflastersteinen werde ich jetzt wohl immer in Ehrfurcht erstarren. Vor einer solchen Präsentation der Geologie kann man nur den Hut ziehen. Das Sahnehäubchen ist dann noch der Besuch eines Steinbruchs, der noch in Betrieb ist. In knalligen Warnwesten und Helmen stehen wir vor einer riesigen Masse Granit wie eine Schar bunter Wichtel aus dem Märchen. Jörg zeigt begeistert auf verschiedene Granite und Brüche, die Dolmetscherin Petra hält standhaft mit seinen Ausführungen Schritt, und die Geologen klopfen enthusiastisch mit ihren Hämmern die Felsblöcke ab, die überall herumliegen. Während ich selbst zwar immer noch die lebendige Natur vorziehe, kann ich doch langsam ihre Begeisterung und ihren Enthusiasmus für die Geologie nachvollziehen. Und die Überzeugung, dass meine Arbeit und unser Projekt einen Sinn haben, wird nicht einmal von der Erinnerung an all das Papier getrübt, das mich im Büro erwartet.

30.05.2018 – Studienreise nach Bayern

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Endlich geht’s los. Nach wochenlangen Vorbereitungen. Wir haben uns 83 E-Mails geschrieben, von den Telefonaten ganz zu schweigen. Alle sind motiviert, alle freuen sich. Wenn bloß alles klappt. Auf der Reise begleitet uns ein Sturm, aber am ersten Treffpunkt kommen wir alle pünktlich auf die Minute an. Wenn auch jeder aus einer anderen Richtung. Ein hoffnungsvoller Anfang. Keiner hat ein Navigationssystem – Geologen können Karten lesen. Das Landesamt haben wir jedenfalls gefunden. Es erwartet uns der höchst beflissene Leiter des lokalen tschechisch-bayerischen Geoparks. Und ein Empfang des Landrats, der den lokalen Geopark mit Wort und Tat unterstützt. Er spricht darüber, wie ein Geopark funktioniert, wie man um politische Unterstützung wirbt … Während die Kollegin Lenka fasziniert zuhört, werden die Geologen langsam unruhig. Sie würden lieber schon ins Gelände aufbrechen. Beim Spaziergang durch den Ort untersuchen sie begeistert jeden Pflasterstein. Wir bewundern die Infotafeln des Geoparks und fotografieren sie von allen Seiten. Da wissen wir freilich noch nicht, wie viele es davon gibt. Weiterfahrt zur nächsten Station. Das Auto der Jungs von der TU Liberec streikt. Wir lassen es stehen und verteilen uns schnell auf die übrigen Autos. Nächste Haltestelle Tiefbohrung. 9 Kilometer unter der Erde. Der Dolmetscherin bricht der Schweiß aus, die Geologen strahlen vor Glück. Ich vermute, dass sie sich am liebsten auch in den Schacht bohren würden, wenn es nur ginge. Die Sprachbarrieren fallen, es bleibt die Begeisterung für die Sache. Der Leiter treibt uns zurück zu den Autos, und weiter geht es. Angeblich müssen wir noch zu einem Vulkanausbruch. Außer mir wundert sich niemand darüber. Wir erreichen pünktlich ein Museum, und kaum dass wir einen ersten Blick hineingeworfen haben, wird alles dunkel und es beginnt eine Vulkanshow. Gerade in Verbindung mit der herrschenden Hitze ist das ein unvergessliches Erlebnis. Aber ich möchte nicht neben dem Museum wohnen wollen, den ohrenbetäubenden Lärm hört man bestimmt bis nach draußen. Die nächsten Stunden besichtigen wir eine schöne lokale Basaltformation und natürlich weitere lange Reihen von Infotafeln. Bevor wir uns nach dem gemeinsamen Abendessen in unsere Betten verkrümeln, erzählt uns die Pensionswirtin, dass die Gemeinde morgen früh um sechs von Kanonenschüssen geweckt wird. Es ist Fronleichnam. Und anschließend kommt die Kapelle. Blasmusik. Aber wir brauchen keine Angst zu haben, bei der Pension gibt‘s bloß einen Trommelwirbel … Ich wundere mich über gar nichts mehr. Alles klappt, keine Probleme, so viele Ideen und Informationen. So soll Zusammenarbeit sein. Ich habe nur ein bisschen Angst, ob wir das morgen auch alles schaffen. Aber mit so einem Wecker verspätet sich bestimmt niemand. Also packe ich nur noch meine EU-Fähnchen ein und falle ins Bett – morgen geht’s weiter.